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In meinen Urlauben, wie hier beim Klettern in den Bergen, finde ich Erholung und Ausgleich zum Praxisalltag. Foto: privat

in vivo: Dr. Tilli Hanßen

Dr. Tilli Hanßen ist Zahnärztin mit eigener Praxis in Jesteburg seit 2000. Neben ihrer Arbeit in der Praxis und den Fortbildungstätigkeiten ist sie auch in der Standespolitik engagiert. Als Mitglied der Fraktion ZfN (Zahnärzte für Niedersachsen) ist sie seit 2005 Delegierte der Bundeszahnärztekammer und der niedersächsischen Zahnärztekammer und seit 2011 Mitglied der KZVN, wo sie für die Belange der Zahnärztinnen zuständig ist. In Jesteburg leitet sie einen Qualitätszirkel für Zahnärzte der Region.

Warum ich Zahnärztin geworden bin:

Die praktische Seite des Berufes hat mich schon immer fasziniert. Ich habe bereits als Kind gerne gebastelt und Dinge hergestellt. Ein Bürojob wäre für mich damals nicht vorstellbar gewesen. Ich liebe Ordnung um mich herum. Und ich habe schon im Schülerpraktikum festgestellt, dass ich gerne selbstbestimmt arbeite und entscheide. 

Was ich an meinem Beruf besonders mag:

Die Selbstständigkeit ist die größte Freude und gleichzeitig die größte Herausforderung, da sie mit viel Verantwortung einhergeht. Ich mag den Umgang mit den Patienten. Ich sehe in meiner Praxis die unterschiedlichsten Menschen und erhalte damit oft mehr Einblick in die Denkweise der Bevölkerung, als sie meine Freunde in anderen Berufen haben. Wenn ich eine gute Endo abgeschlossen habe oder ein schwieriges Implantat gut eingeheilt ist, kann ich mich den ganzen Tag darüber freuen. Auch eine gute Stimmung im Team ist für mich essentiell.

Besonders genieße ich es, dass ich mir meine Zeit bedingt selbst einteilen kann und auch meine Urlaube nehmen kann, wenn ich sie brauche, und nicht gebunden bin.

Was meine größte berufliche Herausforderung war/ ist:

Interessanterweise nicht der Schritt in die Selbstständigkeit, sondern der Umgang mit Problemen im Team. Konflikte mit den Mitarbeiterinnen belasten den ganzen Arbeitsalltag und behindern das entspannte Arbeiten am Patienten. Kommunikation und Transparenz sind mir wichtig für ein eigenverantwortliches Miteinander. Mit einer motivierten Mitarbeiterin ist das Behandeln ein Traum. Wie beim Tanzen sind keine Worte nötig. Sie sieht und erfasst aus dem Gespräch mit dem Patienten, welche Therapie nötig ist und erkennt anhand meiner Bewegungen, welche Bewegungen jetzt von ihr benötigt werden. 

Das würde ich wieder genauso machen:

Den Schritt zur eigenen Praxis. Die Arbeit als Partnerin in einer größeren Praxisgemeinschaft würde bei mir nie zu der Berufszufriedenheit führen wie die Arbeit in der eigenen Praxis. Das Standing bei den Patienten ist auch ein komplett anderes. Die eigene Qualifikation wird dann nicht mehr in Frage gestellt. Zusätzlich kann man sich auch besser in die Fachbereiche hinein spezialisieren, die einen wirklich interessieren und Freude machen. In einer großen Praxis stehen immer die wirtschaftlichen Zwänge und das Interesse des Praxisinhabers im Vordergrund.

Davon kann ich nur abraten:

Sich in einer Praxis als „Budget-Else“ anstellen und sich mit den unbeliebtesten Patienten abspeisen zu lassen. Wichtig ist auch, in der Kinderzeit nicht komplett aus der Behandlung auszusteigen. Die Hürde, nach einer langen Zeit wieder neu anzufangen, ist oft zu hoch. Und man verpasst zu viele Neuerungen. Das gleiche gilt für Fortbildungen: Nicht schauen, ob eine Fortbildung gut und schnell zu erreichen ist, sondern ob sie einen fachlich wirklich voranbringt. 

Auch die zahnärztliche Ehefrau kann darauf achten, dass sie in ihrer Praxis wirklich einen eigenen Patientenstamm aufbaut und sich ein Spezialgebiet schafft, in dem sie unabkömmlich ist. Leider geht in Deutschland jede zweite Ehe in die Brüche und die Verliererinnen sind dann meist diese Kolleginnen, die mit Mitte 40 und kleineren Kindern noch einmal neu anfangen müssen, während ihre Ex-Ehemänner oft die gut aufgestellte Praxis alleine weiterführen. Dieses Phänomen habe ich in meinen Jahren als Kreisstellenvorsitzende leider schon zu oft beobachten müssen.

Folgende Entwicklungen in der Zahnmedizin der vergangenen Jahre begrüße ich:

Die Kollegenschaft ist nicht in die Falle der Politik gestolpert und hat trotz verstärkten Wettbewerbs keine unfaire Ellenbogenmentalität entwickelt. Natürlich gibt es Ausreißer, die gab es aber immer schon. Auch die verstärkte Feminisierung führt nicht zum „Zickenkrieg“.

Fachlich begrüße ich die Etablierung der Prophylaxe und Selbstverständlichkeit von Implantaten in fast alle Behandlungskonzepten. Die Totalprothese, die besonders bei älteren Patienten oft zu einer starken Atrophie der Kiefer führte, verliert damit an Bedeutung.

Wenn ich beruflich eine Sache verändern könnte, wäre dies:

Die Ausbildung an den Universitäten sollte praxisorientierter werden. Keine weitere Vertiefung des Basiswissens Medizin, sondern auch Themen wie Patienten- und Personalführung, Abrechnung und BWL müssen den Studenten vermittelt werden, damit sie für den Berufsalltag gerüstet sind. Darüber hinaus sollte die zahnärztliche praktische Ausbildung optimiert werden. Mehr „selber machen“ und der Austausch mit erfahrenen Kollegen würde zu größerer Routine führen.

Netzwerke sind für mich wichtig weil:


Der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen wird für mich von Jahr zu Jahr wichtiger. Man kann sich über Patientenfälle austauschen und bleibt immer informiert über die neuesten Verordnungen und Änderungen, die ohne Ende über uns einbrechen.
In Netzwerken habe ich auch Freunde fürs Leben gefunden. Sie verstehen zum Bespiel, dass ich nach der Praxis einfach mal abschalten möchte.

Mein Lebensmotto:

Jeden Tag möglichst viel Spaß haben, sich selber nicht zu wichtig nehmen und versuchen, immer das Beste zu geben.

Mein Tipp für junge Kolleginnen:

Viel Spaß in der eigenen Praxis, die anderen kochen auch nur mit Wasser. Ihr schafft das.